Vorstellung manualmedizinischer Weiterbildungsinstitute

An-Institut für Manuelle Medizin an der DTMD-University

 

Die Qualifikation in manueller Medizin baut weltweit auf einem primären Medizinstudium auf, das mit wenigen Ausnahmen die Thematik der Manuellen Medizin nicht enthält. Die Weiterbildung in
Manueller Medizin findet somit in erster Linie postgradual statt. Sie umfasst in der Regel mindestens 300 Stunden und erfolgt in einigen Ländern integriert in eine Facharztweiterbildung. Häufiger stellt die Manuelle Medizin jedoch, wie in Deutschland, eine Zusatzqualifikation in Ergänzung zu einer Facharztweiterbildung dar und in vielen Staaten ist die Qualifikation zur Ausübung der Manuellen Medizin nicht geregelt. Vor diesem Hintergrund empfiehlt die International Federation for Manual/Musculoskeletal Medicine (FIMM) zur weltweiten Homogenisierung der Weiterbildung in Manueller Medizin eine vierstufige Qualifikation, die mit Abschluss einem Umfang von 60 ECTS-Punkten (European Credit Transfer System) und einem Master of Advanced Studies (M2) entspricht. In die gleiche Richtung gehen die Empfehlungen der European Scientific Society of Manual Medicine (ESSOMM) und der European Union of Medical Specialists (UEMS), die zudem fordern, dass die Weiterbilder auf dem Masterniveau qualifiziert sein sollten. Über die Kopplung der Weiterbildungsempfehlungen
an ECTS wird eine Verbindung zu den europäischen Bildungsprozessen möglich.

In Europa wurden zur Vergleichbarkeit der nationalen Bildungsabschlüsse und zur Vereinfachung der Durchlässigkeit zwischen den unterschiedlichen Bildungsstufen und -bereichen zwei Bildungsprozesse (Bologna-Prozess, Brügge-/Kopenhagen-Prozess) eingeführt. Dabei regelt der Bologna-Prozess in erster Linie die akademische Erstausbildung, der Brügge-/Kopenhagen-Prozess neben der primären Berufsausbildung insbesondere die berufliche Weiter- und Fortbildung einschließlich der postgradualen Akademisierung. Der Bologna-Prozess arbeitet mit ECTS, der Brügge-/Kopenhagen-Prozess mit ECVETs (European Credit System for Vocational Education and Training). Beide Kreditsysteme sind ineinander überführbar und ein Kreditpunkt (1 ECTS, 1 ECVET) entspricht einem Lernumfang und Arbeitsaufwand von 25 bis 30 Stunden. Sowohl der Bologna-Prozess als auch der Brügge-/Kopenhagen- Prozess berufen sich auf den Europäischen Qualifikationsrahmen für die Stufen 6 (Bachelor) bis 8 (Doktorat). Während der Bologna-Prozess in den Verantwortungsbereich der jeweiligen nationalen Bildungsministerien fällt, entspricht der Brügge-/Kopenhagen-Prozess europäischem Recht und wird von der EU-Kommission verantwortet.

Bei Vergleich der aktuellen Qualifizierungssituation in der Manuellen Medizin und der europäischen Bildungsprozesse erscheint eine Weiterentwicklung der Qualifikationsstandards der Manuellen Medizin im Rahmen des Brügge-/Kopenhagen-Prozesses am sinnvollsten. Der bisher übliche Umfang der Weiterbildung in Manueller Medizin von 300 Stunden lässt sich dabei in 10 bis 12 ECVET-Punkte überführen und entspricht der zweiten Stufe der vier Qualifikationsstufen der FIMM-Empfehlung und damit einem Certificate of Advanced Studies. Um auch die vierte Stufe der FIMM-Empfehlung mit Masterniveau zu erreichen, ist eine staatliche oder universitäre Akkreditierung notwendig. Um also die Manuelle Medizin weiterzuentwickeln und die Empfehlungen von FIMM, ESSOMM und UEMS umzusetzen, ist die Integration der Manuellen Medizin in ein universitäres Umfeld und Studium zwingend notwendig.

Vor diesem Hintergrund haben das Dr. Karl-Sell-Ärzteseminar Isny-Neutrauchburg (MWE) und die University for Digital Technologies in Medicine und Dentistry (DTMD-University) mit Sitz im Schloss Wilz in Luxemburg ein universitäres An-Institut für Manuelle Medizin gegründet. Die DTMD-University bietet europaweit auf Grundlage des Brügge-/Koppenhagen-Prozesses berufsbegleitende postgraduale Masterstudiengänge in Medizin und Zahnmedizin an. Mit der Gründung des An-Institutes für Manuelle Medizin wurde an der DTMD-University gleichzeitig eine außerplanmäßige Professur für Manuelle Medizin und nuklearmedizinische Schmerztherapie eingerichtet. Das An-Institut für Manuelle Medizin hat das Recht in Abstimmung mit der Universität Masterstudiengänge und Zertifikatslehrgänge in Manueller Medizin und verwandten Fachgebieten durchzuführen und entsprechende Abschlüsse der DTMD-University zu vergeben. Die Forschungsschwerpunkte des An-Institutes sind die Evidenzbasierung der Manuellen Medizin sowie die Auswirkungen der zunehmenden Digitalisierung
im Gesundheitswesen auf die Manuelle Medizin. Zwischenzeitlich wurde auf Basis der Qualifikationsempfehlungen von FIMM, ESSOMM und UEMS ein Masterstudiengang in Manueller Medizin für Ärztinnen und Ärzte entwickelt und von der Akkreditierungsagentur im Bereich Gesundheit und Soziales (AHPGS) akkreditiert und ist damit europaweit anerkannt. Der Studiengang wird im Rahmen der Jahrestagung der MWE am 25.09.2021 offiziell eröffnet. Er hat eine Dauer von zwei Jahren, ermöglicht den Erwerb von 120 ECTS bzw. ECVETs und
schließt mit einem Master of Science ab. Das Modulhandbuch mit den Inhalten des Studienganges ist auf der Homepage der DTMD-University einzusehen.

Der Masterstudiengang Manuelle Medizin gibt Ärztinnen und Ärzten in Ländern, die bisher keine staatliche Regulation der Weiterbildung besitzen, die Möglichkeit eines offiziellen Qualifikationsnachweises. Er erfüllt die Empfehlungen von ESSOMM und UEMS zur Qualifizierung der Weiterbilder und ermöglicht damit einen entsprechenden Nachweis der Weiterbilderqualifikation wie er in der Muster-Weiterbildungsordnung der Bundesärztekammer gefordert ist. Als Vorteile für die Weiterentwicklung der Manuellen Medizin sind außerdem die zunehmende wissenschaftliche Qualifikation der Absolventen des Masterstudienganges und die sich daraus ergebende Chance für eine umfassendere wissenschaftliche Beschäftigung mit der Manuellen Medizin zu nennen. Damit kann letztlich eine bessere Evidenzbasierung der Manuellen Medizin erreicht werden, die den Fortbestand der Manuellen Medizin innerhalb der Gesundheitssysteme unterstützt und wahrscheinlicher erscheinen lässt.

R. Klett, Leiter An-Institut für Manuelle Medizin an der DTMD-University

   Manuelle Medizin 2021; 59:211-216. https://doi.org/10.1007/s00337-021-00815-5

 

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